Freeriden in Andermatt+Sedrun+Disentis – ein Erlebnisbericht.

Mein Tag purer Powder-Fun in der Schweiz mit Guide. Prädikat: Suchtgefahr

Das Skigebiet Andermatt+Sedrun+Disentis in der Schweiz ist einer der edelsten Freeride-Hotspots der Westalpen mit vielfältigem Gelände und schier unendlichen Freeride-Runs. Schnee ist hier Massenwahre: Egal woher der Wind kommt, er bringt fast immer feinsten Pulverschnee. Mein Beruf fordert mich sehr, ich habe wenig Zeit und gönne mir einen erfahrenen Guide, der mich sicher zu den besten Freeride-Spots führt.

Die Jacobs-Krönung des Freeride-Service

Ich treffe meinen Guide Urs in Disentis, gleich neben der Talstation der Disentis-Caischavedra-Bahn. Er ist einige Jahre jünger als ich. „Guete Morge!“, reicht er mir freundlich die Hand. Powder-Latten, Schaufel, Sonde, ABS-Rucksack, LVS-Gerät und meine Tageskarte hat er wie vereinbart mit – die Jacobs-Krönung des Freeride-Service. Neben uns informiert sich ein Pärchen über geführte Freeride-Touren. „Freust du dich schon?“, fragt mich Urs. In meinem Gesicht steht wohl alles geschrieben. „Klar doch!“, entgegne ich.

Wir steigen in die Grossraumgondel ein und schweben mit kurzem Umstieg bis zur Bergstation der Gendusas-Lai-Alv-Bahn zum Einstieg ins Val Segnas. Nach dem Check des Lawinenverschütteten-Suchgeräts (LVS) geht’s rein ins Off-Piste-Terrain: Auf den Cruiser-Hängen bis zum Talboden geniesse ich die ersten Schwünge im Gelände ohne Bäume. Die neuesten Powder-Ski treiben souverän über den Schnee. Gut, dass ich die breiten 110er-Ski genommen habe, das ist Breite unter dem Fuss in Millimetern mit viel Auftrieb. „Das Val Segnas bietet am Morgen gute Bedingungen“, verrät mir Urs. „Deswegen sind wir gleich hier her.“

Auf ins Val Acletta

Nach den ersten Schwüngen bin ich bin eingefahren“, grinse ich. Urs freut meine Energie, auch er ist motiviert. „Auf ins Val Acletta!“, fordert er mich gleich wieder. Das Tal ist mit seinen Rinnen und Mulden vielseitig exponiert: Um die Lawinensituation zu beurteilen, bräuchte es Zeit und Erfahrung, die ich gerne meinem Guide überlasse. Östlich der Bergstation des Schleppliftes Lai Alv-Piz Ault, stapfen wir oberhalb des Lifts ein paar Meter ins Gelände. Urs gibt mir noch einen wichtigen Technik-Tipp: „Du hast zu viel Rücklage!“  Meine Ski machen jedoch viel wett. „Auf geht´s!“ Wir erobern den Hang ganz alleine. Der weite Talkessel führt uns wellig nach Osten, über einen flachen Boden bis ins untere Val Acletta. Immer wieder bleibt Urs stehen, checkt die Hanglage und erkundigt sich nach meinen Beinen. Ich grinse nur und fahre ihm davon, als er mir sagt, wo es sicher ist. Entlang eines Bächleins gelangen wir zu einer Buckelpiste, auf der es zurück zur Talstation geht. Diesmal grinst Urs, denn mit den Powder-Latten tue ich mir schwer – sehr schwer.

Am späten Vormittag gönnen wir uns noch ein paar unglaublich schöne Abfahrten im noch immer jungfräulichen Powder. Irgendwann werde ich ein wenig müde. Zeit für eine Pause, die wir in der Matterhorn-Gotthard Bahn am Weg von Disentis nach Andermatt machen. „Znüni oder Zvieri sagt man in der Schweiz zur Vesper (Jause)“, erklärt mir Urs. Wir packen unsere belegten Wegli (Brötchen) aus, beissen genüsslich rein und rollen dahin. Mir wäre einFondueauf einer der Skihütten zwar lieber gewesen, jedoch hat das Freerider-Herz Prioritäten: den Powder-Hang.

Andermatt und Sedrun – Deep & Steep!

An der Talstation in Andermatt sind wir gleich wieder unter Powder-Freaks mit breiten Skiern und Lawinen-Rucksäcken. Alle wollen sie nur das eine: Deep & Steep und den Gemsstock. Hier sind wir mehr als richtig. „Anfänger lernen im Avalanche Training Center, gleich unterhalb der Mittelstation der Gemsstockbahn, wie man mit Lawinenverschütteten-Suchgeräten richtig umgeht“, weiss Urs zu berichten. „Freerider wollen eben von Besten zu lernen.“ Und Wissen braucht es hier allemal: Die schattigen, schneereichen und steilen Rinnen sowie Mulden sind ein Powder-Heaven, aber sie fordern Erfahrung.

Direkt von Andermatt surren wir mit der Gondel über den Gurschen auf den Gemsstock auf 2.961 Meter. Ich geniesse kurz die Aussicht, aber der Hang fesselt mich gleich wieder. Die klassischen und schnell verspurten Abfahrten wie Felsental, Giraffe oder Guspis lassen wir zunächst aus. Urs führt mich durch weniger befahrene Täler, Rinnen und Couloirs. Nun werde ich wirklich gefordert, aber schön ist´s. Wieder in Andermatt atmen wir kurz durch. „Nochmal?“ fragt er mich. Ich nicke. „Einmal ist keinmal!“, lache ich. Diesmal cruisen wir vom Gemsstock über Guspis ins Hospental. Gemütlich ist die Abfahrt durch das langgezogene Tal knapp 10 km bis ins Hospental – das braucht es zwischendurch.

Ein Dorfbus fährt uns wieder zurück nach Andermatt und ich kann mich etwas ausruhen.

Endlich, meet the Giraffe

„Willst du es zum Abschluss wirklich wissen?“, fragt mich mein Begleiter. „Immer!“, schiesse ich zurück. „Dann probieren wir die Giraffe“, grinst Urs. „Das ist eine der anspruchsvolleren Abfahrten vom Gemsstock Richtung Unteralptal.“ Ich verstehe auch gleich warum: Der Einstiegscouloirs ist steil, Fluchtmöglichkeiten gibt es keine, Ortskenntnisse sind notwendig – deswegen ist der Hang nicht gleich zerfahren. Wegen der Exposition finden wir auch am Nachmittag guten Powder. Meine restliche Energie reicht für den epischen 8-Kilometer-Run, bei dem ich alles um mich ausblende ausser den Hang. Im Tal kommen wir von Kopf bis Fuss voller Schnee an. Magic! So geht ein Tag in Andermatt-Sedrun-Disentis bewegt zu Ende. Fast. Mein Natel (Handy) läutet unverhofft. Der Chef? Habe ich etwas übersehen? „Alles gut, unser Meeting morgen ist abgesagt. Nimm dir morgen noch einen Tag frei!“ sagt mir der Big Boss und ich habe doppeltes Glück: „Brauchst du mich für eine zweite Runde?“, lächelt Urs verschmitzt, weil er mitgehört hat. Wir sind wieder on the Run! Das Pärchen von heute Morgen spaziert mit Freeride-Skiern auf der Schulter an uns vorbei. Freeriden steckt wohl an.

Ich komme wieder

Freeriden in Andermatt+Sedrun+Disentis ist einfach nur genial: Die Guides hier kümmern sich um alles, nur Freeriden muss man selbst. Vielfältig sind die Abfahrten von schwer bis leicht, von steil und knackig bis lang und gemütlich. Schnee liegt hier im Überfluss: Selbst einige Tage nach dem es geschneit hat, findet man noch genug unverspurte Hänge. Ski-Hütten, Hotels, dezentes Après Ski sind selbsterklärend ebenso auf höchstem Niveau. Mehr geht fast nicht.